Gitarrenbrevier in Wort, Bild und Ton


— Eine Rezension zum Gesamtwerk von Rudi Friesch

 

Gitarrenschulen gibt es in Hülle und Fülle, Fachliteratur schon seltener, geschweige denn ein allumfassendes Lehrwerk für Gitarre, ein Gitarrenbrevier. Der Gitarrenliebhaber Rudi Friesch hat in zwanzig Jahren eine solche Publikation geschaffen, die ich hiermit gerne vorstellen möchte.

Den Grundstock dazu bilden logischerweise die Bände Gitarrenschule 1-5. Als Ergänzung stehen zwei Arbeitshefte für Schüler– Gitarrenstunde Liedbegleitung  und Gitarrenstunde Melodiespiel – zur Verfügung, für den Lehrer das Lehrerhandbuch sowie Peppo und Peppino (dreißig Unterrichtstunden für den Anfangsunterricht). Spezifisch ausgerichtete Fachliteratur steht mit den drei Bänden Gitarre und Fingersatz / Gitarre und Harmonie / Gitarre und Melodie zur Verfügung.

 

Der Grundstock

 

Gitarrenschule 1

Sie umfasst – wie auch die weiteren Schulbände – 112 Seiten im Vierfarbdruck. Gleich eine Besonderheit vorweg: Friesch beginnt sein Lehrwerk in zwei verschiedenen Lagen, wobei das Melodiespiel mit angelegtem Wechselschlag in der V. Lage erarbeitet wird und die Liedbegleitung mit Daumenanschlag in der I. Lage. Später werden beide Lagen miteinander verbunden.

Im Gegensatz zu anderen Gitarrenschulen wählt Friesch als Ausgangs-Tonmaterial nicht die Dur-Tonleiter, sondern die natürliche Obertonreihe. Nach einstimmigem Spiel auf einer Saite mit einem einzigen Grundton folgt die Oktave, später Quinte und Terz (e-h-g-d-f-c-a). Ebenso verdient das Fingersatz-Konzept Beachtung: ganz allmählich wird der Schüler nach einem wohldurchdachten System von sehr leichten Aufgaben auf dem Griffbrett stufenweise bis zur schwierigsten Kombination weitergeführt.

Gitarrenschule 2

Das Griffrepertoire wird erweitert. Nach etlichen zwei- und mehrstimmigen Spielstücken und Liedern in C-Dur in der I. Lage geht es wieder in die V. Lage, erweitert um den Tonraum c-c´. Anschließend folgt die Tonart a-Moll; weiter geht es im Quintenzirkel mit G-Dur. Haupt- und Nebenlagen werden ausführlich erläutert und in der VII. Lage G-Dur praktisch geübt. Den Abschluss bildet e-Moll in den beiden Hauptlagen.

Weiterhin erfährt der Schüler Wissenswertes über Komponisten für Gitarre, das praktische Vorspiel, Notenwerte im 15. Jahrhundert, mitschwingende Saiten, Klangfarbe, das Wechseln von Saiten, die Geschichte der Gitarre, Interferenz, Gitarrenpflege und vieles andere mehr.

 

Gitarrenschule 3

Hier liegt der Schwerpunkt bei Verzierungen. Zuerst werden Aufschlag- und Abzugbindungen eingeführt und an praktischen Beispielen geübt. Es folgen der kurze Vorschlag, der Triller, der Pralltriller, der Mordent, der dreifache und der vierfache Vorschlag, der Doppelschlag und der Schleifer.

Das Griffrepertoire wir systematisch im Quintenzirkel erweitert: D-Dur und h-Moll, A-Dur und fis-Moll, E-Dur und cis-Moll; F-Dur und d-Moll, B-Dur und g-Moll.

Weitere Themen sind: Geschichte der Gitarre, Spiel mit dem Kapodaster, Nagelanschlag und Nagelpflege, das Vibrato, die Übungszeit, der Quintenzirkel.

 

Gitarrenschule 4

Zuerst wird der große Quergriff vorgestellt und genaue Anweisungen für seine Ausführung gegen. Auch die Fehlersuche bei unsauber klingenden Saiten wird mitgeliefert. Acht Seiten Übungsmaterial in wachsendem Schwierigkeitsgrad stehen zur Verfügung. Es folgen der mittlere Quergriff, der kleine Quergriff, der aufgekippte Quergriff, der Quergriff mit dem kleinen Finger.

Das Umstimmen der Saiten, eine alte Spielpraxis, wird vorgestellt und als praktische Übung dazu drei Lieder und zwei Stücke von Tarrega angeboten.

Im zweiten Teil der Gitarrenschule 4 kommt die Musiktheorie zu ihrem Recht. Die Intervalle werden im Überblick vorgestellt und dann einzeln auf je einer Seite behandelt. Weitere musikalische Themen sind: Dreiklänge, Parallelklang und Gegenklang, Kadenz, Terzverwandtschaft, Wechseldominante, Wechselsubdominante, Modulation, der authentische und der plagale Schluss, der Bass-Schlüssel und noch viele weitere Themen.

 

Gitarrenschule 5

Das natürliche Flageolett erscheint. In einer übersichtlichen Grafik wird gezeigt, wo die spielbaren Flageolett-Töne liegen. Im einstimmigen Bereich kann der fortgeschrittene Schüler sie auf den folgenden Seiten üben, wobei wohl der dickste Brocken das mehrstimmige Andante von Fernando Sor ist – wohlweislich versehen mit einem ausführlichen Fingersatz. Künstliches Flageolett und Abschluss das Sorsche Flageolett werden abschließend behandelt.

Was wäre die Gitarre ohne das Tremolo? Diesem Kapitel sind zehn Seiten gewidmet. Ihm folgen spezielle Techniken für Gitarre: Rasguado, Alpazùa, Golpe, Tambora und Parado, der Harfenanschlag, das Etoufée, das Pizzicato. Nach dem Kapitel über Klangverfremdung der Gitarre präsentiert Friesch ein musikalisch-chronologisches Finale vom Mittelalter bis zur Romantik.

 

Begleitender Aufbau

 

Lehrerhandbuch Gitarrenunterricht (184 Seiten)

Das Lehrerhandbuch Gitarrenunterricht ist geprägt durch die Schülerbände 1-5. Es begründet die Auswahl der Lehr- und Lerninhalte, weist sorgfältig ausgearbeitet Angaben zur Gitarrentechnik und zu musiktheoretischen Begriffen auf und enthält Hinweise auf verschiedene methodische Möglichkeiten, den Inhalt der Schülerbände in lebendigen Unterricht umzusetzen.

 

Peppo und Peppino (64 Seiten, Vierfarbdruck) — Gitarrenstunden

Zur Anregung gedacht: dreißig abwechslungsreiche Gitarrenstunden mit Pfiff für den Anfangsunterricht, besonders geeignet für jüngere Schüler im Alter von 6-8 Jahren. Der Clou: Friesch hat Arbeitsblätter integriert, die kopiert und als ergänzendes Praxismaterial genutzt werden können.

„Roter Faden“: Zwei Clowns – Großvater und Enkel, reisen in einem klapprigen Zirkuswagen durchs Land. Gelegentlich holt Peppo seine Gitarre und entlockt ihr wohlklingende Weisen. Peppino hört andächtig zu und wünscht sich sehnsüchtig, auch einmal so schön spielen zu können...

 

Gitarrenstunden „Apoyando“ (64 Seiten) — Arbeitsblätter

Ergänzende und erweiternde Arbeitsblätter zur Gitarrenschule 1. Spielerisch wird die linke Hand über die natürliche Obertonreihe an das Griffbrett herangeführt. Nicht hartes Niederdrücken der Saiten ist gefordert, sondern nur leichtes Berühren. Durch ein fortlaufendes „Notenmemory“, werden die Töne auf dem Griffbrett fortwährend wiederholt und gefestigt.

 

Gitarrenstunden „Tirando“ (56 Seiten) — Arbeitsblätter

Ergänzende und erweiternde Arbeitsblätter zur Gitarrenschule 1. Nach einer theoretischen Einführung über die Art der Begleitakkorde werden diese von leicht nach schwer eingeführt. Dies geschieht gegen den Uhrzeigersinn im Quintenzirkel von E-Dur bis F-Dur incl. der jeweiligen Dominantseptakkorde und der einfachen Mollakkorde. Jeder Griff ist zunächst in einem Griffdiagramm in Originalgröße vorhanden; anschließend wird in einer Bildfolge der Aufbau erklärt.

 

Vertiefendes Studium

 

Gitarre und Fingersatz / Gitarre und Harmonie / Gitarre und Melodie (je 192 Seiten)

Fernando Sor befasste sich vor etwa zweihundert Jahren in seiner Gitarrenschule mit dem Fingersatz. Seit jener Zeit herrschte überwiegend Funkstille. In dem Band Gitarre und Fingersatz beleuchtet Friesch den Fingersatz von allen Seiten und gibt praktische Winke, wagt somit die Behandlung eines umfangreichen und schwierigen Fachgebiets. In Gitarrenschule 1 werden die Grundregeln für den Fingersatz ohne weitere Erklärung eingeführt in der Reihenfolge vom Zeigefinger zum Kleinen Finger. Die Begründung dafür wird im Kapitel Der Fingersatz im Anfangsunterricht geliefert...

Die überlieferte Harmonielehre stellt den Dreiklang als ruhenden Pfeiler in die Mitte eines gewaltigen Lehrgebäudes, bringt alte Schulweisheiten, die sich aus den Werken großer Meister ableiten lassen - oder auch nicht. Friesch geht in Gitarre und Harmonie im Sinne einer ‚wahren wissenschaftlichen Harmonielehre’ andere Wege. Er sucht nach naturgegebenen Tatsachen, die empirisch erforscht werden können und leitet daraus verblüffende Erkenntnisse und Regeln ab.

Bei gewissenhaftem Studium vermittelt Gitarre und Harmonie in enger Verbindung mit der Gitarre lebendige Klangvorstellungen. Praktisches Spiel erleichtert das Verständnis für musikalische Zusammenhänge, macht die ausführlichen textlichen Erläuterungen erfahrbar. Der Leser wird mit dem Wesen der Klänge und ihren Beziehungen untereinander bekannt gemacht. Dieses Wissen verhilft ihm zu einer analytischen Betrachtungsweise von Musik.

In Gitarre und Melodie wird versucht, eine Beziehung zwischen der natürlichen Obertonreihe, der Melodie und der Gitarre herzustellen. Grundlage ist dabei ausschließlich das Lied in seiner vielfältigen Form.

 

Fazit

Gitarrenbrevier in Wort, Bild und Ton hält was es verspricht. Leider sind die Kosten für Kleinauflagen im Druck bzw. Digitaldruck so hoch, dass eine Auslieferung über den Fachhandel nicht möglich ist. Bestellungen sind deshalb unmittelbar an den Herausgeber zu richten: Musikverlag Marianne Friesch, Haldenstraße 19, D-72 664 Kohlberg.

 

Martin Grohmann